Köln: 04.–06.02.2023 #spogahorse

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Der spoga horse Ländercheck (11): Die Pferdebranche in Finnland

Die spoga horse ist die weltweit führende B2B-Messe für die Pferdebranche. Ein wesentlicher Pluspunkt für Besucher und Aussteller: Ihre Internationalität. Aussteller aus 33 Ländern und Besucher aus 72 Ländern nahmen an der spoga horse Herbst 2019 teil. Die Vernetzung von Geschäftspartnern über Ländergrenzen hinweg ist ein wichtiger Auftrag der spoga horse. Deswegen werfen wir in der neuen Serie „spoga horse Ländercheck“ einen genauen Blick auf die wichtigsten Absatzmärkte der spoga horse.

Hinweis: Es handelt sich um teilweise gekürzte Fassungen der ursprünglich im Fachmagazin „ReitsportBRANCHE“ erschienen Artikel von Sebastian Reichert. Wenn Sie Interesse an den vollständigen Publikationen haben, können Sie die die komplette Ländlercheck-Serie über info@reitsport-branche.com bestellen.

Pferderennen in Finnland

Pferde, Glück… und jede Menge Seen

Stabilster Staat (Fragile States Index), freiestes Land (Freedom House), geringste organisierte Kriminalität (Global Competitiveness Report) – Finnland gilt als eines der lebenswertesten Länder der Welt und als Vorreiter in vielerlei Hinsicht. Als erstes Land führte es das Wahlrecht für Frauen ein. Laut Unicef hat Finnland die wenigsten Problem mit Kinderarmut. Zum zweiten Mal in Folge belegte Finnland 2019 im World Happiness Report den ersten Platz. Ohne finnische Pferde hätte es das skandinavische Land vor 100 Jahren nicht zur Unabhängigkeit gebracht, geschweige denn sich zu so einer erfolgreichen Nation entwickelt.

In Teil 11 unserer Serie „Länder-Check“ stellen wir Finnland und seine Reitsportbranche vor.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“, heißt es im Volksmund, und Katja Kulmakorpi vom finnischer Futterautomatenentwickler Oy Equine Innovations zieht sogar eine historische Verbindung zwischen finnischen Pferden und der heutigen hohen Lebensqualität. „Die Pferdezucht spielt in der Geschichte Finnlands eine sehr große und wichtige Rolle“, sagt sie. „Ohne finnische Pferde wäre Finnland kein unabhängiges Land. Pferde halfen im Krieg und dienten den Soldaten ohne Angst.“

Finnpferde, die heute einzige ursprüngliche Pferderasse Finnlands, spielten bereits vor 500 Jahren eine dominierende Rolle in Skandinavien. So sehr, dass im 16. Jahrhundert der schwedische König Gustav I. Wasa sogar ihren Export verbot. Apropos Schweden, über Jahrhunderte hinweg war Finnland integraler Teil des heutigen skandinavischen Nachbarlandes, bevor das Russische Kaiserreich dann Finnland 1809 eingliederte. Nach dem Sturz des Zaren und der Oktoberrevolution erklärte das finnische Parlament am 6. Dezember 1917 die Unabhängigkeit.

See in Finnland

Politisch neutral

Flächenmäßig etwa so groß wie Deutschland gehört das politisch neutrale Finnland mit seinen 19 Provinzen (Maakunta) und 5,5 Millionen Einwohner zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas. Wobei allein rund 1,6 Millionen Menschen rund um die Hauptstadt Helsinki leben. Im Norden, nördlich des Polarkreises, in Lappland, das fast ein Drittel der Größe Finnlands ausmacht, leben hingegen nur etwa 180.000 Menschen. Die parlamentarisch-demokratische Republik zählt zu den nördlichsten Ländern der Erde. In der Nähe des 250-Einwohner-Dorfes Nuorgam liegt der nördlichste Punkt der EU.

Die längste Staatsgrenze ist mit 1340 Kilometern die zu Russland im Osten. Weitere Landgrenzen gibt es zu Norwegen (736 Kilometer) und zu Schweden (614 Kilometer). Laut Zählung des Umweltministeriums gibt es im Land genau 187.888 Seen, die größer als 500 Quadratmeter sind – Weltrekord. Das „Land der tausend Seen“ ist aber auch in Sachen Wald Europameister: 65 Prozent der Fläche sind von Wäldern und Forsten bedeckt (vor allem Kiefern, Fichten und Birken). Der Waldreichtum bedingt auch, dass es nirgendwo in Europa mehr Jäger gibt. Sechs Prozent der Finnen sind jagdberechtigt.

Weiße Nächte

Aufgrund der Nord-Süd-Ausdehnung von über 1000 Kilometern gibt es klimatisch große Unterschiede im Land. So geht im Sommer während der „weißen Nächte“ der Mitternachtssonne an der Nordspitze Finnlands die Sonne 73 Tage lang gar nicht unter. Im Winter herrscht dort hingegen Polarnacht – die Sonne steigt für 51 Tage kein einziges Mal über den Horizont. In Finnland leben übrigens trotz intensiver Bejagung – jährlich wird über ein Drittel der Tiere erlegt – deutlich mehr Elche (100.000) als Pferde (75.000). Vor allem im Norden des Landes, in dem auch etwa 1000 Braunbären leben, dominieren halbdomestizierte Rentiere (200.000) die Fauna.

Die im Norden Lapplands lebenden Samen, die Erfinder des Skifahrens, sind das einzige indigene Volk der EU. Etwa 6000 Samen leben in Finnland. Ihre Sprachen gehören wie Finnisch, Estnisch und Ungarisch zur sogenannten uralischen Sprachfamilie. Einerseits ist Finnisch für Westeuropäer keine einfach zu erlernende Sprache – ein Moor in Lappland heißt zum Beispiel Äteritsiputeritsipuolilautatsijänkä –, andererseits gibt es auch einige Lehnwörter aus dem Deutschen. Wer „Prost“ meint, sagt „kippis“ (Kipp es). „Kaffeepause“ – kein Volk konsumiert mehr Kaffee als die Finnen (12,2 Kilogramm pro Kopf/Jahr) – heißt „kahvipaussi“.

Aurora Borealis

Aurora Borealis - Die Nordlichter - sind ein spektakuläres Naturschauspiel in Finnland.

Sauna-Leidenschaft

Neben dem Kaffeekonsum vereint die Finnen auch die Sauna-Leidenschaft. Im Land gibt es mehr Saunen als Autos – 2,2 Millionen. Sie gibt es praktisch überall. So enthält beispielsweise auch eines der Wahrzeichen in Helsinki – die neue Zentralbibliothek Oodi – eine Sauna. Selbst eine Burger-King-Filiale in der Hauptstadt betreibt eine eigene Sauna. Beim Saunieren können die Gäste dort auch Burger und Pommes bestellen.

Seit 1995 ist Finnland EU-Mitglied. 2002 ersetzte der Euro im Land die Finnische Mark als Währung. 2018 wies Finnland ein Bruttoinlandprodukts von 233 Milliarden Euro auf. Die finnische Pferdeindustrie beschäftigt nach Angaben des nationalen Reiterverbandes, dem Suomen Ratsastajainliitto ry (SRL), mehr als 15.000 Menschen. Der Umsatz der Pferdeindustrie beläuft sich demnach auf insgesamt 830 Millionen Euro pro Jahr.

Deutschlands wichtigster Lieferant

Die finnische Wirtschaft insgesamt ist stark vom internationalen Handel abhängig. Finnland exportierte 2018 insgesamt Güter im Wert von 63,8 Milliarden Euro und importierte Waren im Wert von 66,4 Milliarden Euro. Deutschland ist mit einem Einfuhranteil von 15,2 Prozent wichtigster Lieferant (vor den Nachbarländern Russland und Schweden) sowie der wichtigste Abnehmer. 2018 gingen 14,8 Prozent aller Ausfuhren nach Deutschland. Es folgten Schweden (10,2 Prozent) und die Niederlande (6,5 Prozent).

Dachverband aller finnischen Pferdesportler ist der bereits erwähnte und 1920 gegründete Suomen Ratsastajainliitto ry (SRL), der seit Mai 2019 interimsmäßig von Jukka Koivisto geführt wird. Mit Magnus Rydman hatte der Weltverband FEI von 1939 bis 1946 auch schon einen Präsidenten aus Finnland. Helsinki war eigentlich als Austragungsort für die letztlich wegen des Krieges dann ausgefallenen Sommerspiele 1940 vorgesehen. Jahrzehntelang tauchte Rydman nach dem Krieg übrigens in keiner Liste der FEI auf. Der finnische Geschäftsmann war als FEI-Präsident vergessen worden. Erst Ende der 1970er Jahre wurde er als Nachfolger des Niederländers Karel V. Quarles van Ufford und als Vorgänger des Belgiers Gaston de Trannoy wiederentdeckt.

Kathedrale in Helsinki

Kathedrale in Helsinki

Reiten in Top 10

Aktuell reiten rund 170.000 Finnen. Der Reitsport gehört damit zu den zehn größten Sportarten Finnlands. Laut SRL sind 94 Prozent der Verbandsmitglieder weiblich, und Reiten ist der zweitgrößte weibliche Sport im Land. 44 Prozent der SRL-Mitglieder sind jünger als 19 Jahre alt. Neben zahlreichen Vereinsturnieren gibt es jährlich 120 nationale und 330 regionale Pferdesportwettbewerbe. Zahlen von 2013 zeigen die Anzahl von für Wettbewerbe zugelassenen Reitern – 270 für internationale, 1700 für nationale und 3900 für regionale Turniere.

Die Reiter, die auf Vereinsebene an Wettbewerben teilnehmen, sind nicht registriert. Die immer im Oktober stattfindende Helsinki International Horse Show (mit Weltcupspringen) ist nach eigenen Angaben mit 50.000 Besuchern an fünf Tagen Finnlands größter Indoor-Sportevent. Große Wettbewerbe finden auch noch bei der Hanko Seahorse Week, den Suomenhevosten Kuninkaalliset (einem 1924 erstmals durchgeführten Trabrennen für Finnpferde in Ypäjä) und beim Aino Nations Cup in Järvenpää statt.

Zwei große Pferdemessen

Mit der Helsinki Horse Fair (Februar/März) und der Hevosetmessut (April) in Tampere finden im Frühjahr zwei große Pferdesportmessen statt. Als „die größte Fachmesse für die Pferdeindustrie in Finnland“ bezeichnet sich Hevoset-messut. Bei der zwölften Ausgabe 2019 kamen fast 18.000 Besucher in das Messe- und Sportzentrum von Tampere. Die Helsinki Horse Fair findet jeweils zeitgleich mit der Sport- und Outdoor-Messe GoExpo statt. Beide Messen zusammen lockten 2019 fast 45.000 Besucher an.

Sehr stolz ist man in Finnland auf die Zucht des Finnpferdes, der einzigen ursprünglichen Pferderasse Finnlands. Das Finnpferd (Stutbuch-Gründung: 1907) ist ein leichtes Kaltblut, das sehr vielseitig (Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Trabrennen) eingesetzt werden kann. „Sie sind auch die besten Therapiepferde“, sagt Katja Kulmakorpi. Weltweit gibt es aktuell etwa 20.000 Finnpferde. 1910 waren noch über 200.000 Tiere gezählt worden. Das Pferdezentrum in Ypäjä, das aus dem finnischen Nationalgestüt hervor gegangen ist, widmet sich der Zucht und Ausbildung der Finnpferde.

Gesundheit und Wohlbefinden

Das Ypäjä Equine College ist eine der größten Ausbildungsstätten auf dem europäischen Pferdesektor. „In Finnland sind die Menschen sehr an der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Pferde interessiert. Pferde gehen bei uns jeden Tag auf das Paddock. Das scheint für finnische Pferdebesitzer eine ganz wichtige Sache zu sein“, sagt Tuomas Korhonen, Marketing-Chef beim finnischen Futtermittelhersteller Chia de Gracia, und stellt einen Trend zur natürlichen Ernährung innerhalb weniger Jahre fest: „Die Finnen achten viel mehr darauf, was sie für ihre Pferde füttern.“ Korhonen schätzt, dass es in Finnland insgesamt zwischen 100 und 150 Reitsportgeschäfte gibt, wobei davon die meisten im dichter besiedelten Süden und Südwesten existieren, die finnischen Großstädte liegen. „Aufgrund des kurzen Sommers und des längeren Winter brauchen die finnischen Pferdehalter vergleichsweise viele (Winter-)Decken“, erklärt der Marketingmann von Chia de Gracia und ergänzt, dass die Saison, in der es grünes Gras gebe ziemlich kurz sei. „Die Pferde verbringen viel Zeit in Paddocks, nur ein paar Monate auf Feldern.“

Elch in Finnland

Handels- und Reitsportketten

Finnlands führende Agrar-Handelskette mit der größten Reichweise ist Hankkija, Tochter der Danish Agro Group. Das 800-Mitarbeiter Unternehmen hat 53 Filialen und den vielseitigsten Onlineshop der Branche. 2015 machte Hankkija einen Umsatz von 810 Millionen Euro. Lantmännen Agro betreibt im Land 76 Outlets. Puuilo ist eine preisgünstige, 1982 gegründete Warenhauskette mit fast 30 Häusern, die jeweils eine breite Produktpalette (Haushaltsartikel, Spielzeug, Bauzubehör, Werkzeuge, Autozubehör, Gartenbedarf) anbietet. Es gibt aber auch eine eigene Pferdeabteilung, in der Futter, Ausrüstung und Kleidung verkauft werden. Im Geschäftsjahr 2018-2019 betrug der Umsatz von Puuilo, das 390 Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt, nach eigenen Angaben 136 Millionen Euro. Die schwedische Reitsportkette Hööks, die sich als Skandinaviens größtes Pferdeunternehmen bezeichnet, betreibt sieben Filialen in Finnland.

Big Player Horze

In Lahti in Finnland begann 1982 mit der Gründung der Firma Finn-Tack durch Gunnar Gangsö auch die Erfolgsgeschichte von Horze, einer der größten Player in der Reitsportbranche in Europa. Das Unternehmen hat zwei große Geschäfte in seinem Mutterland – in Lahti und in Helsinki. „Finnen schätzen beim Einkaufen gute Qualität und einen hohen Standard bei der Warenproduktion“, sagt Katja Kulmakorpi von Oy Equine Innovations. „Online-Shopping ist mittlerweile die beliebteste Art, um einzukaufen. Die Finnen kaufen ziemlich viele Waren aus Europa.“

Noch was Pferde-Skurriles zum Schluss: Bekannt ist Finnland auch für seine Fun-Sportwettbewerbe. Sie haben eine lange Tradition. So gibt es im Land des einstigen Mobiltelefon-Weltmarktführers Nokia eine Weltmeisterschaft im Handy-Weitwerfen. Rekordhalter ist Ere Karjalainen. Er warf 2012 wahnwitzige 101,46 Meter. Neben Weltmeisterschaften im Ehefrau-Tragen, Matschfußball und Mückentöten (ohne Hilfsmittel mit bloßen Händen) sowie im Luftgitarre-Spielen (Finnland hat pro Kopf die meisten Heavy-Metal-Bands der Welt – 53 pro 100.000 Einwohner) boomt seit einiger Zeit Hobby Horsing.

Hobby Horsing auf Steckenpferden

Bei dieser aus Finnland stammenden Sportart mit Gymnastik-Elementen reiten vornehmlich Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren auf meistens selbst gefertigten

Steckenpferden über einen Parcours, der dem Springreiten (mit Hindernissen) und der Dressur nachgestellt ist. Etwa 10.000 Menschen betreiben in Finnland Hobby Horsing. Zur nationalen Meisterschaft

2017 in Helsinki kamen 1000 Zuschauer. „Wir finden es einfach wunderbar, dass Hobby Horsing ein Phänomen und so populär geworden ist“, kommentierte Fred Sundwall, langjähriger SRL-Generalsekretär.

„Es gibt den Kindern und Teenagern, die keine Pferde haben, die Chance, mit ihnen auch außerhalb von Ställen und Reitschulen zu interagieren.

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Autor: Sebastian Reichert

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