Köln: 23.–25.07.2022 #spogahorse

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Horsemanship: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Der vielzitierte Leitspruch „Fair zum Pferd“ setzt voraus, dass Mensch und Pferd die gleiche Sprache sprechen. Die gelungene Kommunikation zwischen den beiden Lebewesen (das Herden- und Fluchttier Pferd auf der einen Seite und das Raubtier bzw. der Jäger Mensch auf der anderen Seite) ist die Grundlage für ein vertrauensvolles Miteinander, ohne das ein pferdefreundlicher Umgang und auch das von allen angestrebte feine Reiten nicht möglich ist. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich dieses Bewusstsein durchgesetzt. Der Markt für On- und Offline-Kurse, Ausrüstung und temporäre Einstellmöglichkeiten bei entsprechenden Trainern ist enorm gewachsen.

Andrea Jänisch und Michael Dold sind Profis, die alleine oder auch zusammen mit den Besitzern (in Workshops) an der Kommunikation mit dem Pferd arbeiten. Dabei setzen sie Freiarbeit und Bodenarbeit ein.

spoga horse: Lasst uns zuerst die Begrifflichkeit sortieren: Wo liegen die Unterschiede zwischen Horsemanship, Bodenarbeit, Freiarbeit, Freiheitsdressur und Zirkuslektionen?

AJ: Horsemanship ist eigentlich ein Begriff für die allgemeine Reitkunst und den Umgang mit dem Pferd, hat sich bei uns aber sehr personen- und technikbezogen entwickelt. Man assoziiert sofort bestimmte bekannte Namen damit – und eine gewisse Erziehung des Pferdes, die sehr an der Arbeitsreitweise orientiert ist.

Klassische Bodenarbeit ist für mich, mit den Zügeln über dem Hals das Pferd an der Hand gymnastisch zu arbeiten. Und bei der Freiarbeit und Freiheitsdressur ist das Pferd frei und ich kommuniziere nur mit meiner Körpersprache. Das macht es interessant, weil das Pferd lesen können muss, was ich mit meinem Körper sage, und umgekehrt...

MD: Ja, ich denke viele dieser Bereich greifen ineinander, auch werden die Begrifflichkeiten oft unterschiedlich interpretiert. Für mich bedeutet Horsemanship, die Arbeit mit dem Pferd auf eine bestimmte Weise durchzuführen, ob am Boden oder im Sattel. Bodenarbeit beinhaltet auch Horsemanship. Freiarbeit bezeichnet auch einen Teil der Bodenarbeit, nur eben frei, ohne Seil. Auch im Horsemanship-Training gibt es Freiarbeit. Freiheitsdressur würde ich eher in die Richtung von Zirkuslektionen schieben. Auch das ist letztlich ‚Arbeit am Boden‘, hat jedoch mehr den Charakter des Abrichtens und ist weniger eine natürliche Kommunikation und Fortbewegung. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht genauso wichtig für manche Pferde sein kann – und der gymnastizierende Effekt darf nicht vernachlässigt werden, auch wenn ich diese Effekte mit anderen Techniken genauso erzielen kann.

spoga horse: Was hat das Thema Bodenarbeit mit Tierwohl zu tun?

AJ: Sehr viel, weil es für Pferde wichtig ist, mit dem Menschen, mit dem sie so viel zu tun haben, auch eine gute Kommunikationsebene entwickeln. Mensch wie Pferd sollten lernen, besser zu kommunizieren, damit das Pferd sich auskennt und seinen Platz in der Herdengemeinschaft mit dem Mensch zu seiner Zufriedenheit findet.

MD: Das ist richtig, Bodenarbeit zeigt dem Pferd, dass es dem Menschen vertrauen kann und wie es sich möglichst sicher in unserer Welt bewegen kann. Alles beginnt mit der Bodenarbeit. Das Fohlen-ABC ist Bodenarbeit, sowie das Führen, Verladen, Vorstellen beim Schmied ist Bodenarbeit; dem Pferd bestimmte Ängste zu nehmen, kann ich am besten vom Boden aus starten. Das Gewöhnen an Sattel und Reiter beginnt mit der Bodenarbeit. Nicht zuletzt dient Bodenarbeit, neben der geistigen auch der körperlichen Entwicklung und somit ist es die Grundvoraussetzung für das Tierwohl.

spoga horse: Ist der Markt in den letzten Jahren gewachsen und wenn ja, warum?

MD: Definitiv. Pferdehalter haben immer weniger Vorbildung, bevor sie sich ein eigenes Pferd kaufen. Das Pferd hat sich vom Sporttier über ein Statussymbol bis hin zum Haustier entwickelt. Heutzutage können sich viel mehr Menschen ein Pferd leisten – und da fangen die Probleme an.

AJ: Ich merke auch an den Anfragen, dass das Bedürfnis gerade nach Freiarbeit sehr groß geworden ist. Durch die heutigen Berufsbilder haben sich die Tätigkeiten der Menschen sehr weit von der körperlichen Kommunikation entfernt und viele möchten dieses Defizit ausgleichen. Da ist das Pferd ein interessanter Partner, um Dinge, die in Vergessenheit geraten sind, wieder zu lernen. Und es ist eine sehr befriedigende Sache, wenn man merkt, dass die Kommunikation funktioniert und man auf diese Weise mit dem Pferd sprechen kann.

spoga horse: Warum ist Bodenarbeit kein fester Bestandteil der reiterlichen Ausbildung schon bei Anfängern?

AJ: Das ist mir nicht erklärlich. Ich würde jedem Anfänger mindestens die Basics der Kommunikation mit dem Pferd beibringen und ihm die Verhaltensweise des Pferde erklären. Wenn jemand noch ein körperlich ungeschickter Reitanfänger ist, ist es wichtig, wenigstens lesen zu können, was das Pferd als nächstes vorhat und darauf einzugehen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Anfänger nicht als erstes am Boden eine gute Basis an Führübungen, Regeln und Steuerungsmöglichkeiten bekommen, die sie am Pferd einsetzen können.

MD: Oft kann man aber auch den Schulen nicht die ganze Schuld geben. Es fängt schon bei den Eltern an, die die Notwendigkeit einer solchen Grundausbildung nicht erkennen. Ich habe schon oft das Argument gehört ‚ich bezahle dafür, dass mein Kind reitet, und nicht dafür, dass es das Pferd herumführt‘. Und dann sind da natürlich auch die Vorbilder aus dem Sport: wer von denen zeigt sich denn bei der Bodenarbeit? Letztendlich ist dafür wahrscheinlich zu wenig Zeit. Fundierte Bodenarbeit kann auch einmal etwas länger dauern.

spoga horse: Was sind die häufigsten Fehler und Probleme im Umgang mit dem Pferd?

AJ: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Wenn man also Dinge entschuldigt, die das Pferd tut, weil es noch jung ist oder noch nicht lange in seinem Besitz ist – das Pferd das aber überhaupt nicht verstehen kann. Die weiteren Gedanken, die bei uns Menschen da dran hängen, sagen dem Pferd nichts. Eine klare Ausdrucksweise und das Erstellen einer sinnvollen Hierarchie hat nichts mit aggressiv dominantem Verhalten des Menschen zu tun, sondern damit, dass das Pferd sich in die Pferd/Mensch-Hierarchie einordnen kann und auskennt. Das ist aus meiner Sicht der Punkt, wo sich die meisten in Probleme verstricken...

MD: ...das hängt natürlich mit dem Irrglauben vieler Menschen zusammen, dass sie das Pferd nicht mehr lieb hat, wenn sie ihm klare Grenzen setzen. Und das andere Extrem denkt, sie müssen ein Pferd gewaltsam unterordnen, um es beherrschen zu können.

spoga horse: Unterscheiden sich die typischen Fehler bei Freizeit- und Sportreitern?

AJ: Ich würde sagen, Jein. Ich glaube, es ist bei Freizeit- und Sportreitern wichtig, die Kommunikation zu verbessern. Das eben Gesagte trifft vor allem die Freizeitreiter. Die Sportreiter sind wenigstens reittechnisch gesehen auf einem fortgeschrittenen Stand, aber verhalten sich oft sehr dominant dem Pferd gegenüber – was nicht zwingend heißt, dass die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd klarer wird. Viele Pferde versuchen sich aufgrund ihres Naturells dieser Dominanz unterzuordnen, das führt aber nicht unbedingt zu schönen Ergebnissen. Ich würde gerne öfter mal bei hochklassigen Reitern das Zaumzeug abnehmen und schauen, was das Pferd dann tut. Mag es bei seinem Reiter bleiben oder mag es dann lieber etwas anderes unternehmen? Das ist der Grund, warum ich mich schon immer mit Freiarbeit beschäftigt habe: Ich möchte sehen, was das Pferd macht, wenn kein Strick mehr dran ist, und kein Zügel.

spoga horse: Welche Ausrüstung braucht man für die ersten Schritte?

AJ: Das kann ein Knotenhalfter mit Seil sein, ein leichter Kappzaum oder manchmal auch nur ein Halfter und ein Strick. Nur bei den Gerten bin ich etwas heikel, da habe ich eine Auswahl an Gerten für verschiedene Zwecke und unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten. Ganz häufig erlebe ich, dass Leute die falsche Gerte verwenden, die den Impuls für das Pferd nicht gut ausdrückt und viel schwerer verstanden wird. Langfristig wäre mein Ziel, Dinge ohne Gerte zu können, so weit bin ich aber noch nicht – oder nur sehr bedingt.

spoga horse: Wie häufig sollte man Bodenarbeit in das Training einbauen?

MD: Eigentlich befinde ich mich stets im Umgang mit dem Pferd permanent bei der Bodenarbeit und muss immer achtsam und konsequent im Umgang sein. Davon ausgehend, dass bereits das Aufhalftern und Führen dazugehört, sowie die Art, wie ich mich dem Pferd nähere und mit ihm kommuniziere. Aber ansonsten: So oft es nötig ist.

spoga horse: Gibt es Pferde, die nicht therapierbar sind?

MD: Es kommt auf die Definition von therapierbar an. Verbessern kann ich bei jedem Pferd etwas. Es kann aber durchaus sein, dass ein Problem nicht vollständig verschwindet. Manchmal kann es auch sehr lange dauern, bis sich etwas signifikant verbessert...

AJ: Das denke ich auch, es ist vor allem eine Frage der Zeit!

spoga horse: Was wolltest Du schon immer mal zu dem Thema sagen?

MD: Jeder sollte sich die Zeit nehmen und auf sein Pferd hören. Sie zeigen uns, wenn etwas nicht stimmt, oder sie etwas nicht verstehen. Wir müssen nur ganz genau hinsehen, denn zu Beginn sind die Signale oft sehr klein. Außerdem bin ich der Meinung, dass jedes Verhalten des Pferdes ein erlerntes Verhalten ist, das jemand dem Pferd absichtlich oder unabsichtlich beigebracht hat. Das Pferd verhält sich also in einer bestimmten Art und Weise, weil es glaubt, etwas richtig zu machen – nicht, weil es uns damit ärgern will.

AJ: Mich begeistert es einfach, wenn ich frei mit diesen starken, schnellen und großartigen Tieren kommunizieren kann. Freiarbeit ist eine große Bereicherung für mich, für den Unterricht und für viele Menschen, die dabei Freude haben, mit ihren Pferden zu spielen. Freiarbeit ist für mich Spiel.

Unsere Gesprächspartner:

Andrea Jänisch

Andrea Jänisch www.andrea-jaenisch.de

Andrea Jänisch betreibt einen Stall im bayerischen Halfing und bietet dort und extern Unterricht, Seminare und Training in Freiarbeit, Working Equitation und Reiten. Dabei geht es ihr vor allem darum, den Menschen und sein Pferd auf dem Weg zu Harmonie und Freude miteinander zu führen und im Lernen zu begleiten.

Besonders geprägt haben sie in ihrem Reiterleben u.a.: Ursula Bruns, Sadko Solinski, Maria Günther, Kurt Capellmann, Linda Tellington-Jones, Pedro Torres, Gerd Heuschmann, Albert Brandl, Jean-François Pignon, Einar Òder Magnusson, Ute Holm und Alfonso Aguilar.

Michael Dold

Michael Dold www.pferdegut-falkenberg.de

Pferdetrainer Michael Dold korrigiert nicht nur Problempferde, sondern kümmert sich auch um das Anreiten und Training von Jungpferden. Er arbeitet an der Gelassenheit und Kommunikation sowohl auf Platz, Halle, Roundpen, als auch im Gelände und Trail, wenn nötig auch mit dem Pferdeanhänger. Dold gibt Horsemanship- und Trailkurse am eigenen Hof und ist als Trainer auch extern unterwegs. Im Eigenverlag ist sein Buch „Kein Problem – kein Horsemanship“ erschienen.

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